... ein Experiment:
schließe Deine Augen ...
entspanne Dich ...
fokussiere Dich ...

Du bewegst Dich in dem modernen Anbau eines ehrwürdigen Kunstmuseums von internationalem Rang. Das Gebäude in klarer Kubatur, hohe Decken, lichtdurchflutet, Industrieparkett. Du schreitest gut gelaunt von Bild zu Bild, von Raum zu Raum. Es ist ein Tag in der Woche, ein Vormittag. Außer Dir scheint nur Hauspersonal unterwegs zu sein. Es riecht nach Parkettpflege. Die Werke großer Meister hängen in originellem Mix. Ungewöhnlich und doch thematisch gefasst. Plötzlich stehst Du auf zentraler Fläche. Auf der anderen Seite des Saals hängen zwei identische Werke. Große, bedeutungsschwere Bilder mit identischem Motiv. Du wähnst Dich in einer Sinnestäuschung, näherst Dich den Exponaten. Nein, kein Zweifel, die Bilder scheinen identisch. Gleiche Farben, gleicher Pinselstrich. In Öl. Kein Schild, kein Hinweis. Du bist verunsichert. Es fehlt die Information. Nein, egal ist es dir nicht. Wo ist ein Bediensteter? Jemand den man fragen kann? Warum und wieso? Gerade als Du den Raum verlassen willst, wirst Du angesprochen. Es ist der Kurator des Museums, der Deine Unsicherheit im Umgang mit dem Objekt bemerkt hat. Er stellt sich freundlich vor und bietet seine Hilfe an. Du befragst ihn nach dem Sinn der scheinbar identischen Bilder. „Welches würden Sie haben wollen?“ „Egal, sie sind gleich.“ „Gleich? Nun, das rechte ist die ausgezeichnete Arbeit eines russischen Studenten aus der Abschlussklasse der Petersburger Kunstakademie.“ „Und links?“ „Oh, das Bild auf der linken Seite ist das Werk eines Holländischen Meisters aus dem 17. Jahrhundert. Es wurde dem Museum als Leihgabe für diese Ausstellung zur Verfügung gestellt. Der Besitzer hat es für einen deutlich zweistelligen Millionenbetrag bei Sotheby’s gesteigert.“

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Gleich?
Nichts ist „gleich“!
"Storytelling" is everything!
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© 2014 schulzundtebbe.de
(frei nacherzählt aus „Show your work“ von Austin Kleon)

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Authorschulzundtebbe